miércoles, 12 de septiembre de 2007

Der andere 11. September

Vorgestern jaehrte sich zum 34. Mal der "andere 11. September", der Militaerputsch in Chile im Jahr 1973. An diesem Tag endete abrupt die Praesidentschaft Salvador Allendes, dem ersten demokratisch gewaehlten marxistischen Praesident der Welt. Er nahm sich im Praesidentenpalast La Moneda das Leben, waehrend Kampflugzeuge des Militaers unter Fuehrung des Generals Pinochet das Gebauede bombardierten. Carlos, mein Lehrer im Fach 'Chilenische Kultur', hat uns Videoaufnahmen davon gezeigt, sehr beeindruckend. Die wirtschaftliche Lage in Chile war waehrend des sozialistischen Experiments Allendes sukzessive gespannter, um nicht zu sagen prekaerer, geworden (Hyperinflation). Zu den ersten wirtschaftlichen Massnahmen Allendes gehoerte das Ausgeben von einem halben Liter Milch pro Tag an jedes chilenische Kind. Die wesentlichen strukturellen Massnahmen aber waren eine Bodenreform, Verstaatlichung und Nationalisierung (vor allem der profitablen Kupferminen). Waehrend die Verstaatlichung (ohne Entschaedigung) die wirtschaftliche Elite des Landes gegen die Regierung aufgebracht hat, erzuernten die Nationalisierungsmassnahmen die ehemaligen US-amerikanischen Besitzer der Rohstoffunternehmen. Die Regierung Nixon reagierte auf Allendes Chile mit wirtschaftlichen Sanktionen. Umstritten ist, welche Rolle die CIA im Militaerputsch gespielt hat. Was nach 73 folgte, waren 17 Jahre Diktatur, mit zahlreichen Faellen von Folter und anderen Menschenrechtsverletzungen und 3000-5000 Verschwundenen beziehungsweise Ermordeten. Auch darueber hat uns Carlos heute eine sehr eindrueckliche Videodokumentation gezeigt.

Soweit die heutige Geschichtsstunde. Warum ich erzaehle ich das alles? Nicht nur, weil Chiles politische Vergangenheit besonders interessant ist (es gaebe noch mehr zu erzaehlen, schliesslich ist die Geschichte noch wesentlich komplexer) , sondern weil der Militaerputsch noch heute die chilenische Gesellschaft spaltet. Die Vergangenheit wirft noch ihre Schatten in die Gegenwart und wird zugleich verdraengt.
Inwiefern? Zum Beispiel ist die Verfassung, die 1980 waehrend der Diktatur angenommen wurde, noch in Kraft. Inzwischen wurde sie aber ihrer meisten antidemokratischen Elemente bereinigt. Die demokratischen Regierungen nach 1990 sind vorsichtig mit der Aufarbeitung umgegangen oder konnten manches nicht aendern, weil der Einfluss der Militaers noch gross war. Pinochet zum Beispiel war noch bis 1998 Chef der Armee und Senator auf Lebenszeit. Eine offizielle "echte" Verurteilung der Diktatur steht noch aus, ebenso wie eine effektive Bestrafung einiger Taeter. Das Thema Pinochet wird in der Oeffentlichkeit auch nur vorsichtig diskutiert. Warum? Eben weil die Gesellschaft noch immer gespalten ist und die Parteien noch unversoehnlich sind. Was die Anhaenger Pinochos betrifft, so gibt es freilich nur noch wenige der Sorte, die sagen: "Alles war super - wenn es ueberhaupt Tote und Folter gab, dann haben diese Kommunisten es verdient". Viel groesser ist de Anteil derer, die Pinochet unterstuetzt haben und nun zwar befremdet sind, nachdem sie erfuhren, was alles geschehen ist, die aber sagen: "Es gab 1973 halt keine bessere Alternative als den Militaerputsch. Was dann passiert ist, ist dumm gelaufen. Aber wirtschaftlich hat das Land ja profitiert und oeffentliche Ordnung gabs auch. Koennen wir das Thema nicht einfach vergessen?".

Am 11. September also wird in Chile dieses einschneidenden Ereignisses gedacht. Ich hatte in einem frueheren Blogg vollmundig angekuendigt, dass es an diesen Tagen in Chile heiss hergeht, mit Protesten, Demonstrationen und Streiks. Weit gefehlt. In Valparaiso zumindest war gestern ausser einer kleinen Demo, die zu 80% von Kommunisten getragen wurde, nicht viel los. In der Hauptstadt Santiago war das anders. Aber insgesamt war es wohl dieses Jahr ruhiger. Meine Vermieterin Luz meinte, dass die Leute allmaehlich die Hoffnung aufgegeben haben, dass die Geschichte aufgearbeitet wird bzw. das Interesse verloren haben. Ein deutscher Filmemacher, den ich gestern in Santiago getroffen habe, meinte dagegen es brodelt. In Santiago vielleicht.

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