Soweit die heutige Geschichtsstunde. Warum ich erzaehle ich das alles? Nicht nur, weil Chiles politische Vergangenheit besonders interessant ist (es gaebe noch mehr zu erzaehlen, schliesslich ist die Geschichte noch wesentlich komplexer) , sondern weil der Militaerputsch noch heute die chilenische Gesellschaft spaltet. Die Vergangenheit wirft noch ihre Schatten in die Gegenwart und wird zugleich verdraengt.
Inwiefern? Zum Beispiel ist die Verfassung, die 1980 waehrend der Diktatur angenommen wurde, noch in Kraft. Inzwischen wurde sie aber ihrer meisten antidemokratischen Elemente bereinigt. Die demokratischen Regierungen nach 1990 sind vorsichtig mit der Aufarbeitung umgegangen oder konnten manches nicht aendern, weil der Einfluss der Militaers noch gross war. Pinochet zum Beispiel war noch bis 1998 Chef der Armee und Senator auf Lebenszeit. Eine offizielle "echte" Verurteilung der Diktatur steht noch aus, ebenso wie eine effektive Bestrafung einiger Taeter. Das Thema Pinochet wird in der Oeffentlichkeit auch nur vorsichtig diskutiert. Warum? Eben weil die Gesellschaft noch immer gespalten ist und die Parteien noch unversoehnlich sind. Was die Anhaenger Pinochos betrifft, so gibt es freilich nur noch wenige der Sorte, die sagen: "Alles war super - wenn es ueberhaupt Tote und Folter gab, dann haben diese Kommunisten es verdient". Viel groesser ist de Anteil derer, die Pinochet unterstuetzt haben und nun zwar befremdet sind, nachdem sie erfuhren, was alles geschehen ist, die aber sagen: "Es gab 1973 halt keine bessere Alternative als den Militaerputsch. Was dann passiert ist, ist dumm gelaufen. Aber wirtschaftlich hat das Land ja profitiert und oeffentliche Ordnung gabs auch. Koennen wir das Thema nicht einfach vergessen?".
Am 11. September also wird in Chile dieses einschneidenden Ereignisses gedacht. Ich hatte in einem frueheren Blogg vollmundig angekuendigt, dass es an diesen Tagen in Chile heiss hergeht, mit Protesten, Demonstrationen und Streiks. Weit gefehlt. In Valparaiso zumindest war gestern ausser einer kleinen Demo, die zu 80% von Kommunisten getragen wurde, nicht viel los. In der Hauptstadt Santiago war das anders. Aber insgesamt war es wohl dieses Jahr ruhiger. Meine Vermieterin Luz meinte, dass die Leute allmaehlich die Hoffnung aufgegeben haben, dass die Geschichte aufgearbeitet wird bzw. das Interesse verloren haben. Ein deutscher Filmemacher, den ich gestern in Santiago getroffen habe, meinte dagegen es brodelt. In Santiago vielleicht.
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