in Ergaenzung und Wiederholung zu meiner ersten Rundmail berichte ich hier von meinen ersten Eindruecken und Erfahrungen in Chile. Beginnen wir wie einem guten Smalltalk mit dem Wetter: Es ist kalt, aber nicht so kalt wie erwartet. Obwohl es in Chile ja gerade Winter ist, hat die Sonne mich an einigen Tagen schon ins Schwitzen gebracht. Das macht Hoffnung fuer den Sommer. Heute aber beispielsweise scheint sie nicht und dementsprechend kalt ist es auch in der Wohnung, denn geheizt wird in Chile nicht. Ein Glueck, dass ich dem Ratschlag, einen Schlafsack und eine Winterjacke mitzunehmen, gefolgt bin, sonst wuerde ich nachts ganz schoen frieren. Ich wohne jetzt nicht mehr im Keller, sondern in einem kleinen Zimmer im Erdgeschoss bei "La Luz". Gewissermassen bin ich damit vom Regen in die Traufe gekommen, denn zur Kaelte kommt jetzt Laerm aus Kueche, Bad und von der Strasse hinzu. Aber ich will mich nicht beklagen und hab vorsorglich schon mal Ohropax besorgt. Wusstet ihr uebrigens, dass man das Klopapier in Suedamerika oft nicht hinunterspuelen darf, sondern wegschmeissen muss? Meine Unwissenheit hat den Bewohnern der Calle Abtao 549 Dpt. A gleich mal zwei verstopfte Klos beschert.
Meine Mitbewohner, das sind Matthew aus Kanada, Borja aus Spanien und LaLuz, unsere Vermieterin aus Chile. Matthew hab ich hier gleich zu Beginn kennengelernt und mit ihm verstehe ich mich praechtig, ein wirklich witziger Kerl. Zu unserem Glueck ist vorgestern Borja eingezogen, so dass wir nicht nur Englisch reden koennen. Vielleicht kann ich ja nach diesem Semester als Dolmetscher Englisch-Spanisch bewerben. Am meisten ueberrascht hat mich, dass ich die Chilenen einigermassen verstehe, Fischmarktweiber und Busfahrer natuerlich ausgenommen. In seiner Funktion(slosigkeit) dem saechsischen "Nu" vergleichbar, sagen die Chilenen staendig "ja" und "po". Meinen Ohren viel genehmer!
Zur Uni sind es von meiner Wohnung etwa 40 Minuten zu Fuss oder 20 Minuten mit dem Bus. Das Bussystem ist fuer mich voellig undurchsichtig und ich bezweifle stark, dass sich daran in den naechsten Monaten noch etwas aendern wird. Jedenfalls kann man jederzeit in diese Dinger einsteigen und muss nicht nach Haltestellen suchen, was ja eigentlich ganz praktisch ist. Um zur Uni oder zu Geschaeften zu kommen, muss ich mich erst einmal bergab begeben, denn mein Zuhause liegt wie fast ganz Valparaiso auf Huegeln (Cerros). Nur ein schmaler Streifen Land direkt am Meer ist flach und "normal" bebaut. Die Cerros sind uebersaeht mit vielen kleinen bunten Haeusern, die sich teilweise auf skurrile und wenig vertrauenserweckende Weise an die Haenge anschmiegen. Viele von ihnen wurden glaube ich schon x-mal wieder errichtet, denn die Stadt hat offenbar unzaehlige Erdbeben hinter sich. Nach einem anstrengenden Tag in der Uni, oder vollgepackt mit Einkaeufen, erspare ich mir dann manchmal den Wiederaufstieg und nehme lieber einen der uralten Ascensores (Mini-bergbahnartige Aufzuege), fuer die Valparaiso beruehmt ist.
Die Betreuung an der Uni ist super. Leider schaut es so aus, als ob ich aufgrund von Ueberschneidungen nicht meine Wunschkombination an Kursen besuchen kann, aber das ist nicht so wild. Mal schauen, wie ich meine akademischen Verpflichtungen noch durch Sportangebote und andere Aktivitaeten ergaenzen kann. Gestern abend haben unsere Monitoren, also die chilenischen Studenten, die uns beim Einleben und Einschreiben helfen, eine Bienvenida Fiesta fuer uns internationale Studenten organisiert. Die war allerdings eher 0815. Hoffenlich kann ich dem Latino-Dancefloor-Geseihe mal noch mehr abgewinnen oder treffe auf besseres. Das war jetzt natuerlich ein bisschen hart ausgedrueckt, "aber ihr wisst, dass ich Rescht hab". Die Chilenen, die ich bisher getroffen habe, kamen mir alle total nett vor, aber vielleicht war das auch nur der Jetlag und die Ueberwaeltigtheit, die mich zu dieser Einschaetzung verleiten, denn eigentlich sind Chilenen ja "insoportables". Fakt ist aber auch (um mit Karl Augusts Worten zu sprechen), dass der Kulturschock mir erst noch bevorsteht und dass von Immersion in die chilenische Kultur und Gesellschaft auch noch keine Rede sein kann. Bisher ists ja mehr so Sprachkurs-Atmosphaere. Die internationale Studentenschaft setzt sich zu 99% aus US-Amerikanern zusammen (mal wieder ein bisschen uebertrieben) und der Rest kommt aus Deutschland, Mexiko, Frankreich, Kanada, Oesterreich, Italien, Spanien und Norwegen.
Das Essen? Etwas seltsam. Was bei uns der Doener ist, ist hier eine Empanada (fritiertes Sandwich oder sowas) oder ein Completo (Hotdog mit unglaublich viel Majonaisse und giftgruenem Schleim - angeblich Avocado). Essen gehen ist relativ billig, Essen im Supermarkt kaufen relativ teuer. Das Bier ist hier leider weder besonders gut noch besonders preiswert. Das genaue Gegenteil gilt fuer Wein und Pisco, das chilenische Nationalgetraenk. Apropos Fluessignahrung: ich habe hier die ersten Tage voellig vergessen ausreichend Fluessigkeit zu mir zu nehmen. Von meinem dehydrierten Zustand habe ich nur zufaellig dadurch erfahren, als ich mich bei Matthew ueber die Sproede meiner Lippen beklagte. Zweites Symptom ist uebrigens eine satte Faerbung des Urins, aber fuer euch, die ihr teils viel mehr Sport als ich macht, duerfte das, hab ich mir sagen lassen, keine neue Tatsache sein. Jedenfalls habe ich jetzt eine grosse Flasche Wasser neben mir stehen.
Da wir schon bei den Herausforderungen des praktischen Lebens angekommen sind: hat jemand einen Tipp, wie ich meine Klamotten von lauter Taschentuchfetzen befreien kann? Hab naemlich eine Packung Taschentuecher aus Versehen mit in die Waesche geschickt. Das Zeug haftet wirklich gut und von bis ich von Hand jeden Fetzen abgeschabt haette, waere mein Rueckflug auch schon wieder verfallen. Also, Hausfrauen und Hausmaenner bitte voran...
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| Pasándolo chancho en Chile |
