Zunaechst einmal muss ich den Verlust eines Mitbewohners, Borja, beklagen. Der ungestueme Spanier ist zu zwei Freundinnen in der Nachbarschaft gezogen. Ohne unsere Vermieterin davon zu informieren. Die war ziemlich sauer. Matt und ich haben ihr inzwischen beigebracht, dass wir beide in ein paar Wochen eventuell auch ausziehen wollen, weil uns erstens die Spanisch-Praxis abgeht und die Wohnung auch kein absolutes Schnaeppchen ist. Aber das ist alles Zukunftsmusik, so richtig Lust was Neues zu suchen haben wir auch nicht und eigentlich geht es uns hier ganz gut. Schade ist halt, dass wir nicht mehr wie mit Borja jeden abend zusammen kochen oder Video schauen oder sowas. Matt hat gerade fuer eine Woche seine Freundin zu Besuch und ist glueckselig.
Richtige chilenische Freunde habe ich noch nicht gefunden. Aber ich hab jede Menge Leute kennengelernt und mich viel unterhalten. Lerntechnisch praktisch ist uebrigens, dass man hier (in Suedamerika) auf Kosten der zusammengesetzten Vergangenheitsform sehr viel den ungleich schwereren Indefinido benutzt, so dass ich dessen Formen endlich einmal lerne.
Ich habe ja bereits erwaehnt, dass die Chilenen nicht zu Unrecht in dem Ruf stehen Auslaendern gegenueber besonders offen und freundlich eingestellt zu sein, vergass aber den Zusatz "solange es sich nicht um Staatsangehoerige seiner drei Nachbarlaender handelt". Gegen Peru und Bolivien hat Chile im vorletzten Jahrhundert zwei Kriege gefuehrt und den Laendern kostbares, weil rohstoffreiches, Territorium abgenommen, und insbesondere Bolivien den Meereszugang abgenommen. Mit den Argentiniern ist das Verhaeltnis etwas entspannter, aber es bestehen politisch-ideologische Differenzen (vereinfacht Chile: neoliberal, USA-nah; Argentina: populistisch, mit Chavez' Venezuela alliert) und beides sind stolze Nationen. Die Chilenen darauf, dass Musterlaendle Suedamerikas zu sein (politisch stabil, hoechster Lebensstandard, bestaendiges Wirtschaftswachstum, im Korruptionsranking gleichauf mit Belgien - aber eine unverarbeitete Diktatur).
Verwundert hat mich heute, dass dass Postwesen in Chile offenbar kaum ausgebaut ist bzw. irgendwie anders funktionieren muss. Jedenfalls scheints in ganz Valparaiso nur ein klitzekleines Postbuero zu geben, in dem nicht einmal Umschlaege verkauft werden und das den einzigen Posteinwurfkasten enthaelt. Es koennte natuerlich sein, dass das Land so eine altmodisches System wie das Postwesen technologisch einfach uebersprungen hat. Wie bereits erwaehnt gibt es hier ja auch ueberall W-Lan. Und mehr Handys als Festnetzanschluesse.
Letztes Wochenende war ich mit ein paar Freunden, hauptsaechlich Basken, zum Wandern im Nationalpark La Campana. Die Luft, so rein! :-p Wir sind gluecklicherweise auch alle wieder gesund nach Hause gekommen. Abends bin ich fast staendig unterwegs - mal Jazz, mal Kino, mal Disse, mal gemuetlich, mal Hausparty, mal Konzert, Mal te.
Ein besonderes Schmankerl war letztens der Gastvortrag von "Charquipunk", einem der bekanntesten Graffiti/Streetart-Kuenstler Valparaisos , den mein Spanischlehrer in unsere Unterrichtsstunde eingeladen hat. Er hat erzaehlt, dass Valparaiso auch in seiner Branche den Ruf hat ein Paradies zu sein. Es war sehr interessant von ihm einen Einblick in die "transnationale, semi-subversive Szene" mit ihren verschiedenen Stroemungen und Entstehunglinien und die kollaborative Arbeitsweise der Kuenstler zu bekommen. Fotos von Wandmalerein in Valpo untenstehend. Die Abbildung einer Katze bedeutet, er hat mitgemalt.
Der nahende September ist in Chile traditionell ein besonderer Monat. Eine Woche lang werden Fiestas Patrias gefeiert. Am 18. jaehrt sich die Einberufung der ersten Junta de Gobierno im Jahr 1810 und damit dem Beginn des Unabhaengigkeitsprozess (von Spanien). Zusaetzlich politisiert wird der Monat durch den Jahrestag des Militaerputsches am 11. September 1973. Da werden auch schon mal die Universitaeten besetzt.
Cuídense (machts gut)!
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| Murales in Valpo |
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| Valpo 4 |




