viernes, 31 de agosto de 2007

Der Winter geht zur Neige

Pueees, fast zwei Wochen sind seit meinem letzten Eintrag vergangen. Langsam kommt in men Leben hier ein wenig Routine rein. Was soll ich da erzaehlen? Kann es sein, dass je laenger man nicht schreibt, desto weniger es zu berichten gibt?

Zunaechst einmal muss ich den Verlust eines Mitbewohners, Borja, beklagen. Der ungestueme Spanier ist zu zwei Freundinnen in der Nachbarschaft gezogen. Ohne unsere Vermieterin davon zu informieren. Die war ziemlich sauer. Matt und ich haben ihr inzwischen beigebracht, dass wir beide in ein paar Wochen eventuell auch ausziehen wollen, weil uns erstens die Spanisch-Praxis abgeht und die Wohnung auch kein absolutes Schnaeppchen ist. Aber das ist alles Zukunftsmusik, so richtig Lust was Neues zu suchen haben wir auch nicht und eigentlich geht es uns hier ganz gut. Schade ist halt, dass wir nicht mehr wie mit Borja jeden abend zusammen kochen oder Video schauen oder sowas. Matt hat gerade fuer eine Woche seine Freundin zu Besuch und ist glueckselig.

Richtige chilenische Freunde habe ich noch nicht gefunden. Aber ich hab jede Menge Leute kennengelernt und mich viel unterhalten. Lerntechnisch praktisch ist uebrigens, dass man hier (in Suedamerika) auf Kosten der zusammengesetzten Vergangenheitsform sehr viel den ungleich schwereren Indefinido benutzt, so dass ich dessen Formen endlich einmal lerne.
Ich habe ja bereits erwaehnt, dass die Chilenen nicht zu Unrecht in dem Ruf stehen Auslaendern gegenueber besonders offen und freundlich eingestellt zu sein, vergass aber den Zusatz "solange es sich nicht um Staatsangehoerige seiner drei Nachbarlaender handelt". Gegen Peru und Bolivien hat Chile im vorletzten Jahrhundert zwei Kriege gefuehrt und den Laendern kostbares, weil rohstoffreiches, Territorium abgenommen, und insbesondere Bolivien den Meereszugang abgenommen. Mit den Argentiniern ist das Verhaeltnis etwas entspannter, aber es bestehen politisch-ideologische Differenzen (vereinfacht Chile: neoliberal, USA-nah; Argentina: populistisch, mit Chavez' Venezuela alliert) und beides sind stolze Nationen. Die Chilenen darauf, dass Musterlaendle Suedamerikas zu sein (politisch stabil, hoechster Lebensstandard, bestaendiges Wirtschaftswachstum, im Korruptionsranking gleichauf mit Belgien - aber eine unverarbeitete Diktatur).

Verwundert hat mich heute, dass dass Postwesen in Chile offenbar kaum ausgebaut ist bzw. irgendwie anders funktionieren muss. Jedenfalls scheints in ganz Valparaiso nur ein klitzekleines Postbuero zu geben, in dem nicht einmal Umschlaege verkauft werden und das den einzigen Posteinwurfkasten enthaelt. Es koennte natuerlich sein, dass das Land so eine altmodisches System wie das Postwesen technologisch einfach uebersprungen hat. Wie bereits erwaehnt gibt es hier ja auch ueberall W-Lan. Und mehr Handys als Festnetzanschluesse.

Letztes Wochenende war ich mit ein paar Freunden, hauptsaechlich Basken, zum Wandern im Nationalpark La Campana. Die Luft, so rein! :-p Wir sind gluecklicherweise auch alle wieder gesund nach Hause gekommen. Abends bin ich fast staendig unterwegs - mal Jazz, mal Kino, mal Disse, mal gemuetlich, mal Hausparty, mal Konzert, Mal te.

Ein besonderes Schmankerl war letztens der Gastvortrag von "Charquipunk", einem der bekanntesten Graffiti/Streetart-Kuenstler Valparaisos , den mein Spanischlehrer in unsere Unterrichtsstunde eingeladen hat. Er hat erzaehlt, dass Valparaiso auch in seiner Branche den Ruf hat ein Paradies zu sein. Es war sehr interessant von ihm einen Einblick in die "transnationale, semi-subversive Szene" mit ihren verschiedenen Stroemungen und Entstehunglinien und die kollaborative Arbeitsweise der Kuenstler zu bekommen. Fotos von Wandmalerein in Valpo untenstehend. Die Abbildung einer Katze bedeutet, er hat mitgemalt.

Der nahende September ist in Chile traditionell ein besonderer Monat. Eine Woche lang werden Fiestas Patrias gefeiert. Am 18. jaehrt sich die Einberufung der ersten Junta de Gobierno im Jahr 1810 und damit dem Beginn des Unabhaengigkeitsprozess (von Spanien). Zusaetzlich politisiert wird der Monat durch den Jahrestag des Militaerputsches am 11. September 1973. Da werden auch schon mal die Universitaeten besetzt.

Cuídense (machts gut)!

Murales in Valpo

Valpo 4

domingo, 19 de agosto de 2007

Ausflug nach Laguna Verde

Noch ein ruhiges Wochenende. Heute sind Matthew, Borja, ich und zwei Maedels aus Frankreich und Spanien an einen kleinen, versteckten Strand gefahren. War etwas abenteuerlich ihn zu erreichen, aber hat sich gelohnt. Das Wasser ist natuerlich viel zu kalt um zu baden. Fuer den Rueckweg vom Strand zur Busstation hatten wir das Glueck, dass uns ein Transporter auf seiner Ladeflaeche mitgenommen hat. Auf der Rueckfahrt im Bus habe ich dann einen aelteren Herrn kennengelernt und mich mit ihm ueber die Pinochet-Zeit unterhalten; er selbst war Anhaenger. Aber ueber all diese Dinge ein andermal mehr.

Ob das nun gut oder schlecht ist: ein echter Kulturschock will sich nicht so richtig einstellen. Die Chilenen sind halt doch verkappte Europaer. Chile hat auch einen viel geringeren Anteil an Indigenas als andere suedamerikanische Laender, und Schwarze wurden praktisch gar keine hier her gebracht. Es scheint, als ob die Chilenen Auslaendern gegenueber besonders freundlich eingestellt sind. Was meine Bekanntschaft von letzter Woche angeht, hatte das aber doch einen besonderen Grund (denn ich im vorletzten Blog schon angedeutet hatte). Ausserdem gibt es natuerlich Ausnahmen von der auslaenderfreundlichen Haltung. Matthew beispielsweise wurde gestern ausgeraubt ( hat aber nicht so viel verloren).
Vielleicht habe ich mich aber auch einfach gut auf meinen Aufenthalt hier vorbereitet. Hatte ja schon einiges gelesen und auch ein wenig Chilenismen gelernt. Und Spanisch (dank Armando, Mini und meinen Eltern!).

Sonntagsausflug nach Laguna Verde

sábado, 18 de agosto de 2007

Gespraech am Kuechentisch

[Gespraech mit der Putzfrau, in der Kueche. Unterhaltung kommt auf meine Eltern]
Sie: Hast du sie schon angerufen?
Ich: Ja, aber im Moment kann ich sie nicht erreichen. Meine Eltern sind gerade in Afrika.
Sie: Is gut, mein Kind. [putzt weiter]

viernes, 17 de agosto de 2007

Lateinamerika-Stereotyp 1

Gerade eben habe ich auf dem Heimweg von der Universitaet gesehen, wie sich ein junges Maedchen einfach auf eine Kreuzung gestellt hat, als die Ampeln rot waren, und angefangen hat Fahnen an Schnueren zu schleudern (also irgendeine Art von Jonglierkunst dargeboten hat; weiss nicht, wie die heisst). Dafuer hat sie dann von den Autofahren im Vorbeifahren Geld bekommen, als die Ampel wieder gruen wurde.

(Der Leser moege den geringen Unterhaltungs- und Informationswert dieser Zeilen fuer ihn entschuldigen. Eintraege wie diese sind geschuldet der Tatsache, dass ich diese Blog auch fuer mich als Erinnerung und Panorama meiner Eindruecke schreibe).

Valpo 3

domingo, 12 de agosto de 2007

Neues aus Valpo

Letztes Wochenende hat sich zum ersten Mal so etwas wie Ernuechterung eingestellt, was unter anderem mit oben stehendem Firlefanz zusammen hing. Ich sass naemlich allein zu Hause und musste schon fuer die Uni arbeiten, waehrend meine Mitbewohner auf Snowboards die Anden hinunter rasten. So vor dem PC kauernd habe ich mein erstes "Erdwackeln" (Bezeichnung fuer ein kleineres Erdbeben) in Valparaíso erlebt. Sonntags war ich aus Neugier in einem Gottesdienst, in der lutherischen Kirche neben meiner Wohnung (siehe Fotogalerie). Abgesehen von der anderen Sprache und kleineren Abweichung in der Liturgie sind mir nur zwei Unterschiede zu protestantischen Gottesdiensten in Deutschland aufgefallen: eine etwas "endzeitlichere" Gestik und Mimik des Pfarrers und dass der Wein beim Abendmahl in kleinen Schnapsglaesern serviert wurde statt im Kelch. Viele von den Kirchgaengern glichen bis ins letzte Detail deutschen aelteren Damen und Herren. Sie sprachen auch perfekt deutsch - waren aber Einwanderer der vierten Generation.

Mit dem Eintauchen in die chilenische Kultur klappts schon so langsam. Letztens waren wir in einer Bar, El Gato de la Ventana, und haben da eine chilenische Band gehoert, die traditionelle chilenische Songs gespielt hat. Un poco rojo (etwas linksgerichtet)schienen sie mir, wie Armando sagen wuerde. Toller Abend.
Die Chilenen sind auch weiterhin nett. Als ich letztes einen Typen kennengelernt hab, hatte ich bei so viel Interesse und Freundlichkeit sogar ein wenig Bedenken, dass er schwul ist. Waere ja nicht das erste Mal gewesen, dass ich sowas nicht merken wuerde und dadurch in heikle Situationen kaeme. Die chilenische Gesellschaft ist recht konservativ, man sieht zum Beispiel keine homosexuellen Paare auf der Strasse, da kann man schon mal bei einem "toleranten Europaeer" anklopfen. War aber natuerlich nicht so, und wir haben mit seinen Freunden einen super Abend verbracht.

miércoles, 1 de agosto de 2007

Stadt der Hunde

Lieber Leser,

es freut mich, dass du dich wieder auf meiner Seite eingefunden hast. Mach es dir bequem und lies, was ich von Valparaiso und meinem Leben in Chile berichten kann.

Valparaiso ist ohne jeden Zweifel die Hauptstadt der Strassenkoeter, herrenlosen Toelen und keifenden Streuner. Die sich ungehindert vermehrende Brut solcher Kreaturen praegt das Stadtbild. Sie sind ueberall. Sie liegen am hellichten Tage auf den Plaetzen und Buergersteigen und schlafen. Mancheiner dieser obdachlosen Hunde kann einem schon Leid tun.

Wie bereits in meiner E-Mail angedeutet, gibt es auch einige Menschen, deren aeussere Lebensumstaende nicht gerade blendend erscheinen. Dabei ist Chile ja das reichste Land Suedamerikas - wie schaut es dann an anderen Orten aus? Andererseits: Obdachlose und Penner gibt es ja auch in jeder europaeischen Grossstadt. Abgesehen von Arbeitslosen und Obdachlosen frage ich mich auch, wie die, die Arbeit haben zu Recht kommen. Die eine Haelfte der Chilenen, so scheint es, verkauft fuer wenige Pesos irgendwas seltsames (meist als essbar deklariert) auf der Strasse oder in den Micros (Stadtbus). Kaufen sehe ich aber kaum jemanden. Die andere Haelfte ist in Restaurants und im Supermarkt angestellt und tritt sich dort gegenseitig auf die Fuesse. Bei der grossen Anzahl an Angestellten, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Stundenloehne riesig sind. Etwas nervig ist uebrigens, dass man fuer jede Kleinigkeit, die man kauft gleich eine Rechnung in die Hand gedrueckt bekommt. Eine einzige Zettelwirtschaft, dieses Chile.

Valparaiso ist vom Flair her in gewisser Hinsicht mit der Dresdner Neustadt zu vergleichen. Wahnsinnig viele Mauern und Haeuser in meinem Viertel (Cerro Alegre und Cerro Concepción) sind bemalt und es haben sich viele Kuenstler hier niedergelassen. Dazu passt auch die Anekdote, dass McDonalds sein Restaurant, das es hier vor einigen Jahren eroeffnen wollte, aufgrund von Studentenprotesten wieder dicht machen musste.
Die Cerros Alegre und Concepcion gehoeren wie gesagt zu den besseren Gegenden in Valpo. Deswegen gibt mir die Tatsache, dass zwei franzoesische Kommilitonen vor zwei Tagen hier am hellichten Tage bewaffnet ueberfallen wurden, besonders zu denken. Ein solches "Abenteuer" wird mir hoffentlich nicht widerfahren.

Weit davon entfernt, in die Herzen der Chilenen schauen zu koennen, muss ich mich bei der Beschreibung dieser Menschen vorerst auf einige Aeusserlichkeiten beschraenken.
Mich hat ueberrascht, dass tatsaechlich jeder Chilene kohlrabenschwarzes Haar hat. Natuerlich ist das mal wieder etwas uebertrieben, aber ich hatte jedenfalls die Eintoenigkeit der Einfarbigkeit nicht so plastisch vor Augen.
Eine zweite Beobachtung ist, dass die Chilenen rauchen, was das Zeug haelt. Angeblich hat das Land den hoechsten Anteil an weiblichen Rauchern der Welt, aber das habe ich nicht ueberprueft.
Drittens geht der Trend zur Uebergewichtigkeit. Hier stehe ich wieder auf dem Boden empirisch fundierter Erkenntnisse, wenn ich erwaehne, dass nur 1.5 Prozent der Bevoelkerung sich gesund ernaehren. Fruechte und Gemuese, obwohl leicht und guenstig verfuegbar, stehen offenbar nicht in ausreichendem Masse auf dem Speiseplan. So ist denn Gorda/Gordita (Dicke/Dickerchen) hier auch Kosename Nummer 1. Wie ich es von mir selbst aus Deutschland kenne, greift man auch hier schon oefters mal zu einem Comida Rápida. Dieses FastFood aber scheint mir noch weniger gesund zu sein als unser guter Doener. Und fuer jedes Fastfood-Objekt gilt: extra viel Mayo, extra viel gruener Schleim. [Heut' liebe Mama habe ich dagegen schoen brav Fisch gegessen, den Borja fuer uns bereitet hat.]

Was die Uni angeht, sind meine ersten Eindruecke widerspruechlich. Einerseits tauchen teilweise weder chilenische Studenten noch Professoren zu ihrer ersten Vorlesung im neuen Semester auf. Und wenn eine Veranstaltung statt findet, dann mit einer Viertelstunde Verspaetung. Andererseits ist die technische Ausstattung (nicht die Raeumlichkeiten - Jody sprach hier von grosser Aehnlichkeit mit einer Stierkampfarena) der Uni besser als ich erwartet hatte und der Service der Professoren teilweise professioneller als ich es aus Dresden kenne. Heute war ich in einem Kurs, Economía Internacional, der mir eindeutig zu professionel und anspruchsvoll erschien. Fuer viele chilenische Univeranstaltungen reicht es anscheinend nicht aus, am Ende des Semesters eine Vorlesung zu schreiben oder vielleicht ein Referat zu halten und ein wenig zu lesen. Stattdessen beziehungsweise zusaetzlich gibt es mehrere Klausuren und Referate, die uebers Jahr verteilt sind, ergaenzt um woechentlich einzureichende Zusammenfassungen. Es soll aber auch weniger arbeitsintensive Kurse geben ;-p Mit Blick auf Kurse wie den oben genannten koennte es aber passieren, dass ich recht bald den Schalter von "laessigem Sprachurlaub" auf echte Arbeit umstellen muesste.

Bisher kann davon nicht die Rede sein. Gestern abend war ich zum ersten Mal im Piedra Feliz, dem Klassiker fuer abendliches Amusement in Valparaiso. Mit Matthew bin ich vor ein paar Tagen nach Isla Negra gefahren und hab mir dort das Lieblingshaus Pablo Nerudas (chilenischer Literaturnobelpreistreager) angeschaut. Der Skurrilitaet und Exotik seiner Privatsammlungen nach muss er ein unglaublich exzentrischer Typ gewesen sein. Morgen fahren Matthew, Borja und ich ein wenig in die Natur noerdlich von Valpo. Weitere Reisen sind in Planung, darunter vielleicht ein wenig Boarden in den Anden. Ich hab mich aber, was die Dimensionen dieses Kontinents und damit meine Reisemoeglichkeiten angeht, im Uebrigen etwas verschaetzt. Allein um in den Norden Chiles zu gelangen faehrt man 30 Stunden mit dem Bus. Da bleibt offen, ob ich Laender wie Kolumbien oder Venezuela zu Gesicht bekommen werde. I doubt it.

So Chicas y Chicos ich begebe mich in Richtung Tiefkuehltruhe. Die Zeitverschiebung zwischen Chile und Deutschland betraegt uebrigens 6 Stunden, die Chile hinterher hinkt.

Valparaiso 2