miércoles, 1 de agosto de 2007

Stadt der Hunde

Lieber Leser,

es freut mich, dass du dich wieder auf meiner Seite eingefunden hast. Mach es dir bequem und lies, was ich von Valparaiso und meinem Leben in Chile berichten kann.

Valparaiso ist ohne jeden Zweifel die Hauptstadt der Strassenkoeter, herrenlosen Toelen und keifenden Streuner. Die sich ungehindert vermehrende Brut solcher Kreaturen praegt das Stadtbild. Sie sind ueberall. Sie liegen am hellichten Tage auf den Plaetzen und Buergersteigen und schlafen. Mancheiner dieser obdachlosen Hunde kann einem schon Leid tun.

Wie bereits in meiner E-Mail angedeutet, gibt es auch einige Menschen, deren aeussere Lebensumstaende nicht gerade blendend erscheinen. Dabei ist Chile ja das reichste Land Suedamerikas - wie schaut es dann an anderen Orten aus? Andererseits: Obdachlose und Penner gibt es ja auch in jeder europaeischen Grossstadt. Abgesehen von Arbeitslosen und Obdachlosen frage ich mich auch, wie die, die Arbeit haben zu Recht kommen. Die eine Haelfte der Chilenen, so scheint es, verkauft fuer wenige Pesos irgendwas seltsames (meist als essbar deklariert) auf der Strasse oder in den Micros (Stadtbus). Kaufen sehe ich aber kaum jemanden. Die andere Haelfte ist in Restaurants und im Supermarkt angestellt und tritt sich dort gegenseitig auf die Fuesse. Bei der grossen Anzahl an Angestellten, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Stundenloehne riesig sind. Etwas nervig ist uebrigens, dass man fuer jede Kleinigkeit, die man kauft gleich eine Rechnung in die Hand gedrueckt bekommt. Eine einzige Zettelwirtschaft, dieses Chile.

Valparaiso ist vom Flair her in gewisser Hinsicht mit der Dresdner Neustadt zu vergleichen. Wahnsinnig viele Mauern und Haeuser in meinem Viertel (Cerro Alegre und Cerro Concepción) sind bemalt und es haben sich viele Kuenstler hier niedergelassen. Dazu passt auch die Anekdote, dass McDonalds sein Restaurant, das es hier vor einigen Jahren eroeffnen wollte, aufgrund von Studentenprotesten wieder dicht machen musste.
Die Cerros Alegre und Concepcion gehoeren wie gesagt zu den besseren Gegenden in Valpo. Deswegen gibt mir die Tatsache, dass zwei franzoesische Kommilitonen vor zwei Tagen hier am hellichten Tage bewaffnet ueberfallen wurden, besonders zu denken. Ein solches "Abenteuer" wird mir hoffentlich nicht widerfahren.

Weit davon entfernt, in die Herzen der Chilenen schauen zu koennen, muss ich mich bei der Beschreibung dieser Menschen vorerst auf einige Aeusserlichkeiten beschraenken.
Mich hat ueberrascht, dass tatsaechlich jeder Chilene kohlrabenschwarzes Haar hat. Natuerlich ist das mal wieder etwas uebertrieben, aber ich hatte jedenfalls die Eintoenigkeit der Einfarbigkeit nicht so plastisch vor Augen.
Eine zweite Beobachtung ist, dass die Chilenen rauchen, was das Zeug haelt. Angeblich hat das Land den hoechsten Anteil an weiblichen Rauchern der Welt, aber das habe ich nicht ueberprueft.
Drittens geht der Trend zur Uebergewichtigkeit. Hier stehe ich wieder auf dem Boden empirisch fundierter Erkenntnisse, wenn ich erwaehne, dass nur 1.5 Prozent der Bevoelkerung sich gesund ernaehren. Fruechte und Gemuese, obwohl leicht und guenstig verfuegbar, stehen offenbar nicht in ausreichendem Masse auf dem Speiseplan. So ist denn Gorda/Gordita (Dicke/Dickerchen) hier auch Kosename Nummer 1. Wie ich es von mir selbst aus Deutschland kenne, greift man auch hier schon oefters mal zu einem Comida Rápida. Dieses FastFood aber scheint mir noch weniger gesund zu sein als unser guter Doener. Und fuer jedes Fastfood-Objekt gilt: extra viel Mayo, extra viel gruener Schleim. [Heut' liebe Mama habe ich dagegen schoen brav Fisch gegessen, den Borja fuer uns bereitet hat.]

Was die Uni angeht, sind meine ersten Eindruecke widerspruechlich. Einerseits tauchen teilweise weder chilenische Studenten noch Professoren zu ihrer ersten Vorlesung im neuen Semester auf. Und wenn eine Veranstaltung statt findet, dann mit einer Viertelstunde Verspaetung. Andererseits ist die technische Ausstattung (nicht die Raeumlichkeiten - Jody sprach hier von grosser Aehnlichkeit mit einer Stierkampfarena) der Uni besser als ich erwartet hatte und der Service der Professoren teilweise professioneller als ich es aus Dresden kenne. Heute war ich in einem Kurs, Economía Internacional, der mir eindeutig zu professionel und anspruchsvoll erschien. Fuer viele chilenische Univeranstaltungen reicht es anscheinend nicht aus, am Ende des Semesters eine Vorlesung zu schreiben oder vielleicht ein Referat zu halten und ein wenig zu lesen. Stattdessen beziehungsweise zusaetzlich gibt es mehrere Klausuren und Referate, die uebers Jahr verteilt sind, ergaenzt um woechentlich einzureichende Zusammenfassungen. Es soll aber auch weniger arbeitsintensive Kurse geben ;-p Mit Blick auf Kurse wie den oben genannten koennte es aber passieren, dass ich recht bald den Schalter von "laessigem Sprachurlaub" auf echte Arbeit umstellen muesste.

Bisher kann davon nicht die Rede sein. Gestern abend war ich zum ersten Mal im Piedra Feliz, dem Klassiker fuer abendliches Amusement in Valparaiso. Mit Matthew bin ich vor ein paar Tagen nach Isla Negra gefahren und hab mir dort das Lieblingshaus Pablo Nerudas (chilenischer Literaturnobelpreistreager) angeschaut. Der Skurrilitaet und Exotik seiner Privatsammlungen nach muss er ein unglaublich exzentrischer Typ gewesen sein. Morgen fahren Matthew, Borja und ich ein wenig in die Natur noerdlich von Valpo. Weitere Reisen sind in Planung, darunter vielleicht ein wenig Boarden in den Anden. Ich hab mich aber, was die Dimensionen dieses Kontinents und damit meine Reisemoeglichkeiten angeht, im Uebrigen etwas verschaetzt. Allein um in den Norden Chiles zu gelangen faehrt man 30 Stunden mit dem Bus. Da bleibt offen, ob ich Laender wie Kolumbien oder Venezuela zu Gesicht bekommen werde. I doubt it.

So Chicas y Chicos ich begebe mich in Richtung Tiefkuehltruhe. Die Zeitverschiebung zwischen Chile und Deutschland betraegt uebrigens 6 Stunden, die Chile hinterher hinkt.

Valparaiso 2

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